01.02.2013 - Reportage CEO aus Leader, das Unternehmermagazin vom Januar/Februar 2013

Text: Steffan Millius Bilder: Bodo Rüedi

Seit über vier Jahren führt Urs Vögele die Hans Leutenegger AG. Dass der Name des Unternehmens untrennbar mit seinem Gründer Hans «Hausi» Leutenegger verbunden ist, stört Vögele nicht. Leutenegger, Bob-Olympiasieger, Hollywoodschauspieler und Unternehmer-Ikone, ist eine schillernde Persönlichkeit, die schon immer die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen hat. Ein solcher Mann wirft einen grossen Schatten. Doch Urs Vögele neidet dem
Firmengründer das Rampenlicht nicht. Für den Ostschweizer ist entscheidend, dass er freie Hand hat im operativen Geschäft, dass er den «Diamanten auf Hochglanz polieren» darf. So lautete die Aufgabe, die ihm Leutenegger 2008 auf den Weg gab.

Als Treuhänder selbstständig
Doch der Reihe nach. An seine ursprüngliche Berufung erinnert heute nichts mehr an Urs Vögele. Er habe Landwirt gelernt, verrät er mit einem Schmunzeln auf die entsprechende Frage. Es folgte ein Studium mit Fokus auf Agrarwissenschaft und Unternehmensführung. Mit 29 Jahren machte sich der Ostschweizer selbständig. Er gründete eine Treuhandkanzlei und beriet Unternehmen, weiterhin mit Schwergewicht auf die Bereiche Agrar und Lebensmittel.

"Mit einer Bank hat man ein Kontrollorgan im Genick."?

Zu den Kunden gehörten grössere Unternehmen rund um Landwirtschaft, Wein- und Käseproduktion, Molkereien oder Gemüsebau. Es war in gewisser Weise die erste Karriere von Urs Vögele.

Der Schnitt folgte 2008. Familiäre Verbindungen waren dafür verantwortlich, dass Vögele Hausi Leutenegger privat schon lange gut kannte. Als sich dieser über die Nachfolgeplanung Gedanken machte, holte er Vögele als Berater an Bord. «Dann haben sich die Ereignisse überschlagen», erinnert sich Vögele, «wir haben schnell gemerkt, dass eine andere Lösung mehr Sinn machen würde als die Beraterfunktion.» Aus dem Einflüsterer wurde der Chef: Urs Vögele übernahm die Geschäftsführung der Hans Leutenegger AG mit ihren rund 1000 Angestellten. «Nicht in absoluter Unkenntnis der Branche» habe er das Amt angetreten, sagt Vögele, doch ein Stück weit sei er natürlich ein Quereinsteiger gewesen. Statt für Hausi Leutenegger die ideale Nachfolge zu planen, musste Vögele nun das eigene Unternehmen in neue Hände geben und konzentrierte sich voll auf die neue Aufgabe.

Konzept noch immer aktuell
Konzept noch immer aktuell Drei Monate lang verschaffte er sich an der Seite seines Vorgängers einen Überblick, bewusst nicht länger, «denn es kann nicht zwei Chefs geben.» Von Anfang an sei festgestanden, dass sein Auftrag nicht in der Verwaltung des Status quo liege, sondern darin, neuen Wind in die Firma zu bringen. «Das Unternehmen war damals 43 Jahre alt, und Hausi Leutenegger hat es selbst als Diamanten bezeichnet, den man wieder einmal polieren müsse», erinnert sich Urs Vögele. Ein Eindruck, den der neue Chef nach dem ersten genaueren Einblick teilte. Das Konzept des Unternehmens war auch Jahrzehnte nach der Gründung noch richtig, am Kerngeschäft gab es nichts zu rütteln. Die administrativen Abläufe hingegen konnten optimiert und modernisiert werden. In Sachen Informationstechnologie, bei der Nutzung der neuen Medien, im Internetauftritt: Hier hinkte das sonst so innovative Unternehmen der Zeit eher nach. Zudem war die Firma organisch gewachsen, und das, so Vögele, habe nicht nur Vorteile. Es fehlte zum Teil an einer einheitlichen Stossrichtung für alle Filialen, und es wurden zu wenige Synergien genutzt.

Personal als Kapital
Diese Stichworte begleiteten den neuen CEO in denletzten vier Jahren. Zusammen mit seinem Team schuf er eine klare Corporate Identity, die Prozesse wurden gestrafft und vereinfacht und dadurch Kosten reduziert. Pate stand dabei eine Erkenntnis: «Die grösste Herausforderung liegt heute nicht mehr darin, Kunden zu gewinnen, sondern sie danach auch mit Fachkräften bedienen zu können.» Der Markt sei ausgetrocknet, so Vögele, und sein Kapital sind deshalb die Leute, die er im Auftrag seiner Kunden rekrutiert. Auch sonst hat der Ostschweizer schnell gelernt in der für ihn neuen Branche. «Glaube nur, was du siehst“, habe er sich früh zum Grundsatz gemacht. «Es gibt in unserer Branche leider viele Leute, die hier das schnelle Geld suchen und sich nicht bewusst sind, dass wir mit Menschen arbeiten», so Vögele. Dabei brauche, wer allen gesetzlichen Auflagen gerecht werden wolle, eine gewisse Grösse und Substanz. Vor allem mit einem System, wie es die Hans Leutenegger AG p?egt. Das Unternehmen stellt selbst quali?zierte Fachkräfte ein und stellt sie seinen Kunden zur Verfügung, um Arbeitsspitzen zu brechen. «Der richtige Mann am richtigen Platz», umschreibt Vögele die Aufgabe. Die grösste Herausforderung liege darin, Leute zu rekrutieren, die sich vielseitig einsetzen lassen. Ungelernte Helfer gebe es viele auf dem Markt, doch echte Fachleute viel zu wenige. Dabei ist nicht die Rede von exotischen Berufen, sondern von Vertretern herkömmlicher Ausbildungen wie Elektriker, Sanitärinstallateur, Schlosser, Zimmerleute oder Spengler. Selbst für handwerkliche Grundberufe müsse man immer öfter über die Landesgrenzen hinaus schauen.

An der Front aktiv sein?
Den Unterschied zu den Mitbewerbern kann die Hans Leutenegger an der Front machen, dort, wo die Personalberater nach den richtigen Leuten suchen. «Wir setzen auf Rekrutierer, die das gesuchte Metier selbst gut kennen», sagt Urs Vögele. Die Personalberater sollen die gleiche Sprache wie die Kandidaten sprechen und deren Potenzial sofort einschätzen können. Fällt die Wahl auf jemanden, der sein Fach zu wenig versteht oder nicht polyvalent einsetzbar ist, wird er für den Personaldienstleister zur Hypothek. «Wirklich gut disponieren kann man nicht vom Bürotisch aus, die Leute müssen unterwegs sein», so der CEO. In der Branche ist die Hans Leutenegger AG eine Ausnahmeerscheinung. Der Begriff der Temporäranstellung wird hier anders intepretiert. Temporär ist nicht die Anstellung der jeweiligen Fachkraft, sondern der Einsatz beim einzelnen Kunden. Vögele: «Wir streben eine möglichst lange Bindung mit unseren Angestellten an.» Einzelne Monteure seien bereits seit Jahrzehnten im Dienst des Unternehmens. Sie haben immer denselben Arbeitgeber und stehen doch laufend bei anderen Firmen im Einsatz. Eine Vielseitigkeit, die viele schätzen. Attraktiv sei man auch dank Leistungen rund um Sozial- und Krankenversicherungen, die über das gesetzlich vorgeschriebene Minimum hinausgehen. Von den insgesamt rund 1000 operativ tätigen Angestellten sind 60 Prozent fest angestellt, «ein Sonderfall in unserer Branche und eine grosse Herausforderung.» Die Administration beschäftigt etwa 70 Leute in den zehn Schweizer Filialen und einer Niederlassung in Süddeutschland.


 

In jeder Filiale präsent
Urs Vögele selbst hat seinen Sitz in der Zentrale in Genf – theoretisch. Er sei keiner, der aus der Ferne das Personal steuere, deshalb sei er zu 80 Prozent in den Filialen und bei Kunden unterwegs. Damit wird auch die ?ache Hierarchie möglich; das Unternehmen kennt keine Regionaldirektoren, Vögele führt die Filialen direkt und hat in jeder Niederlassung ein Büro. Auch in St.Gallen, der Filiale, die erst vor drei Jahren wieder eröffnet wurde. «Als Ostschweizer wollte ich diese Region nicht kamp?os der Konkurrenz überlassen», so Vögele.

"Wir streben eine möglichst lange Bindung mit unseren Angestellten an."

Der Standort entwickle sich erfreulich, man stehe vor einem Luxusproblem: «Wir könnten umgehend mehr Fachkräfte zum Einsatz bringen, wenn wir sie ?nden würden.» Ein Begriff fällt im Gespräch mehrfach: Die Unabhängigkeit. Die Hans Leutenegger AG ist ein Personaldienstleister, muss aber oft auch «Bank spielen». Die 1000 Angestellten müssen bezahlt sein, während die Zahlungsfristen der Kunden tendenziell immer länger werden. Alleine die Sozialleistungen für die Angestellten erreichen einen zweistelligen Millionenbetrag, die Versicherungsprämien sind hoch. Ein kapitalintensives Geschäft sei es, sagt Vögele, «man braucht einen langen Atem.» Doch auch Firmengründer Hausi Leutenegger legt Wert darauf, noch nie einen Bankkredit in Anspruch genommen zu haben. Es gebe keinen einzigen Tag im Jahr, an dem man auf Kredite angewiesen sei. Vögele. «Mit einer Bank an Bord hat man ein Kontrollorgan im Genick.» Im Gegensatz dazu muss man bei der Hans Leutenegger AG selbst sicherstellen, dass Kosten und Einnahmen im richtigen Verhältnis stehen, Selbstdisziplin ist gefragt. Aber mit 47 Jahren Erfahrung im Rücken fällt das wohl ein bisschen leichter.